Auf der Homepage der Süddeutschen Zeitung fanden wir, das Redaktionsteam, einen sehr spannenden Artikel. „Neben der Spur“, lautet der Titel.
Dieser Artikel hat uns veranlasst, einmal eine „Gegendarstellung“ aus Sicht eines Taxifahrers über Fahrgäste zu schreiben oder es zumindest zu versuchen. In die „Ich“-Form dieses Beitrags sind Erfahrungen von einigen Kollegen eingeflossen. Anspruch auf Repräsentativität erheben wir dennoch nicht.
Beginnen wir mit dem gestressten Businessmenschen. Diesen bringe ich morgens um sieben Uhr zum Flughafen. Er ist immer in Hektik, muss schnellstens von A nach B. Wenn sich nur eine kleine Verkehrversstockung anbahnt, bekommt der Business(wo)man schon fast einen Herzinfarkt. Das kann doch nicht gesund sein. Auf jeden Fall ist es schlechtes Zeitmanagement. Auch nervt uns Taxler dieser Typ oft sehr, denn mit seiner nassforschen Art erzählt er mir, dem Taxifahrer, wie das Auto zu fahren und der Weg zu wählen sei. Am Fahrtziel wäre es ihm am liebsten, wir würden die Quittung noch während der Fahrt mit dem Block auf dem Lenkrad kritzeln. Die monetäre Anerkennung für zügigen Fahrstil hält sich in Grenzen, man ist ja in Eile!
Ein geliebter Gast des Vormittags ist die ältere Seniorendame. Ich hole sie seit Jahr und Tag von Zuhause ab, um ihre Besorgungen zu erledigen. Sie erzählt dem Fahrer auf dem alltäglichen Weg zum Arzt oder in die Praxis, ihre Lebensgeschichte. Ich bin danach komplett im Bilde, was ihre Verwandtschaft betrifft, kenne den ungeliebten Schwager Willi mittlerweile und auch sämtliche Details über die Hüft-OP von ihrer Freundin Erna. Schade, dass noch keiner unsichtbare Ohrstöpsel erfunden hat, aber dennoch verleitet mich die liebenswürdige Art der Dame, ihr immer wieder zuzuhören und noch mehr Details aus ihrem Leben zu erfahren. Ich fahre sie doch sehr gerne und kann andere Fahrer nicht verstehen, die Kurzfahrten mit Senioren nicht mögen. Das Trinkgeld ist besser und viele Kurzfahrten sind oftmals lukrativer als eine Langstreckenfahrt.
Allen Kollegen willkommen sind hingegen die entspannten Touristen tagsüber, die ins „Hofbräuhaus“ wollen. Manchmal wird dann sogar aus einer einfachen Fahrt eine kleine Sightseeingtour.
Habe ich diese Truppe endlich abgesetzt, meldet sich meine IsarFunk Zentrale wieder. Der Gast möchte in Schwabing abgeholt werden und Richtung Glockenbachviertel. Eine Routinefahrt denke ich mir, mach ich mal soeben zwischendurch. Falsch gedacht, kaum angekommen, sehe ich den Gast kaum, dafür aber unzählige Umzugskartons und Pflanzen. „Was hat der Kerl vor?“ Der will mit mir in meinem Taxi umziehen? Na dann, eine halbe Stunde Taxi beladen. Zum Glück gibt es Gepäckgebühren. Alle Pflanzen reinquetschen und auf geht’s. Ich bemühe mich möglichst vorsichtig zu fahren, um den botanischen Garten, ich meine mein Taxi, sicher an das Ziel zu bringen. Mittlerweile, anderthalb Stunden später, habe ich mit Peter, meinen Fahrgast und neuen Umzugsspezl, die Geschichte wieder ausgeladen. Nun kommt der Punkt der Wahrheit, die Bezahlung mit Wartezeit und Gepäckzuschlägen pro Stück. Peter verwunderte mich, zahlte freundlich und gab sogar noch ein nettes Trinkgeld.
Ich merke gerade, dass das Stichwort „Trinkgeld“ schon zum wiederholten Male fällt, bitte aber um Verständnis. Ähnlich wie in der Gastronomie ist Trinkgeld für uns Taxifahrer ein wichtiger Zusatzverdienst.
Diese Fahrt hat sogar richtig Spaß gemacht, war einmal etwas anderes und der Peter auch noch ein netter Zeitgenosse. Auf der Rückfahrt noch eben einen Münchner Spaziergänger mitgenommen. Das ist ein Typus Mensch, der zu Fuß und im Taxi die Stadt erkundet. Er war sehr freundlich und verließ mich in der Maximiliansstrasse um in die Oper zu gehen. [tagsüber???]
So, Tagesgeschäft erledigt, nun kann der Abend beginnen. Los geht der ganze Spaß mal wieder am Hofbräuhaus.
„Spaß“ kommt auf man aber erst richtig, wenn man die bereits beschriebenen Touristen, oder sonstige Nachtschwärmer, wieder einsammeln soll. Es wird diskutiert, gelallt, geschnarcht, zehn Minuten überlegt, wo man hin will oder, verdammt noch mal, das Hotel eigentlich ist. All diese Dinge sind normal und gehören zu Alltag, zu mir und meinem Taxi mit dazu. Doch gibt es auch ab und an unleidige Zwischenfälle in Form von Erbrochenem im Taxi. Leider wurde der Wasserhahn im Taxi noch nicht erfunden, und die Beseitigung solcher Malheurs ist eine Kunst für sich, mit guter Atemtechnik, Küchenrolle und Feuchttüchern sowie Duftspray.
Kaum sind alle Spuren dieser Art von ungeliebten Gästen aus dem Fahrgastraum verbannt, werde ich zur nächsten Bar bestellt. Ein Pärchen steigt ein. Nette junge Leute, aufgeschlossen und freundlich. Dass dieses „aufgeschlossen“ auch eine peinliche Wende nehmen kann, ahnt der Fahrer nicht immer. Öfter als der Leser glauben möchte, verwechseln Pärchen die Rückbank mit dem heimischen Sofa. Ich, als Fahrer, versuche das Ganze zu ignorieren, dann wird´s aber immer bunter und ich frage ironisch, ob ich den Rückspiegel hochklappen soll. Manchmal meine ich, Fahrgäste halten den Chauffeur für einen „Fahrkartenautomaten“, der weder hört noch sieht, und kein Gefühl für Scham oder Peinlichkeiten hat. Habe ich diese ungeduldigen Verliebten endlich sicher an ihrem trauten Heim abgesetzt, darf ich endlich heim in mein wohlverdientes Bett und warten bis ein neuer hoffentlich aufregender Tag beginnt.
Wie man sieht, ist es ist für alle Beteiligten nicht immer einfach zwischen der Dienstleistung und dem Menschen dahinter zu unterscheiden. Aber wir spielen alle eine Rolle im Leben und jeder verdient Respekt.
(Das IsarFunk-Redaktionsteam)




IsarFunk 450 540 





